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Lev Khesin

"Morphologie"


Vernissage am 26. Oktober, 18 - 21 Uhr
Ausstellungsdauer: 27. Oktober - 21. November 2018

Zur Ausstellung erscheint das Künstlerbuch Morphologie.

 

 

 

Ein ergebnisoffenes Experimentalsystem von Lev Khesin

Von Ekaterina Tewes

Wie entsteht Neues? Wie kommt man auf einen neuen Gedanken und wie erschafft man ein noch nicht da gewesenes Ding? Nimmt ein Gedanke materielle Gestalt an? Oder ist das vielmehr die Materie selbst, sind das etwa ihre stumme Gegenwart und ihr magischer Eigensinn, ihr Widerstand und ihre Wandelbarkeit, die unser Denken und Tun anfeuern? Und außerdem: wie viel Intention und wie viel Zufall liegen dem Neuen zugrunde?

Diese Fragen stellen sich immer wieder aufs Neue und begleiten jede Art produktiven Tuns, sei es künstlerisches Schaffen, ingenieurtechnisches Konstruieren oder wissenschaftliches Forschen. In Lev Khesins Malerei drängt sich die Auseinandersetzung mit diesen Fragen in den Vordergrund. Die Reflexionen über immanentes Innovationspotenzial der Malerei vergegenständlichen sich wörtlich im künstlerischen Verfahren, das Khesin entwickelt hat, sowie in Form und Wirkungsästhetik seiner Gemälde-Objekte.

Das Grundverfahren, mit dem Khesin arbeitet, besteht im Auftragen von zusammenhängenden Schichten des Silikons auf einen Bildträger – meist eine Holz- oder Metalltafel. Jede Silikonschicht überzieht die Oberfläche der Tafel wie ein Film. Die Anzahl der Schichten eines Gemäldes variiert von einem Dutzend bis zu einem Hundert. Das transparente Silikon vermischt der Künstler dabei mit verschiedenen Pigmenten. Jede einzelne Schicht kann sich dadurch von den anderen in der Farbe und dem Grad der Transparenz unterscheiden. Die übereinanderliegenden Schichten erzeugen dadurch Lichteffekte wie Glänzen, Spiegeln, Schillern und Opalisieren (z.B. Opho, 2017 oder Uktu, 2015).

Transluzente Bildpartien auf Khesins Gemälde-Objekten werden vom Licht aktiviert und deaktiviert. Je nach dem Blickwinkel, aus dem sie betrachtet werden, erstrahlen sie oder erlöschen. Mitunter aber, wie auf dem Gemälde Banotop, 2017 führen diese Lichtspiele mutwillig in die Irre. Das Auge, das sich bereits an die Wandelbarkeit des Bildes gewohnt hat, ist herausgefordert, zwischen den unbeleuchteten transluzenten und tatsächlich opaken Bildpartien zu unterscheiden.

Sinnlichkeit dieser lichterfüllten, oft minimalistischen Gemälde-Objekte stellt zur Schau, wie stark die Wahrnehmung von Lichtbedingungen und Bewegung der Betrachtenden beeinflusst ist. Dies sowie Khesins Rückgriff auf industrielle Materialien erinnert an die Strategien des kalifornischen Light and Space Movement – man denke an Peter Alexanders schimmernde Würfel-Objekte aus Polyestergießharz, Craig Kauffmans Wandreliefplastiken aus durchsichtigen, mit Acrylfarbe angesprühten Plastikscheiben oder Helen Pashgians opalisierende Kugel-Skulpturen aus Epoxidharzen.

Neben Transparenz sind Viskosität und Plastizität des Silikons für das künstlerische Verfahren Khesins von entscheidender Bedeutung. Der Künstler modelliert aus der Silikonmasse sowohl flächenhafte Schichten als auch plastische Formen, die sich vom Hintergrund reliefartig abheben.

In einer Reihe der Arbeiten bilden die Reliefs anthropogene Strukturen nach (z. B. geometrische Linien- und Punktraster in Ollycodd, 2014 und Eteti, 2017). Häufiger aber betreiben Khesins Silikon-Formen Mimikry an Formen der Natur. Besonders kennzeichnend ist das für die Arbeiten, die in den Jahren 2011-2015 entstanden. Sowohl organische als auch anorganische Formen tauchen hier auf. Das sind kristall- und nadelförmige Muster (Izz, 2015), waben- und napfartige Formationen (Calacala, 2011) oder auch korallenähnliche, trichterförmige Gebilde (Ellog, 2015).

Zum einen lotet Khesin das nahezu uneingeschränkte Potenzial des Silikons aus, sich formen zu lassen. Zum anderen ist er an der Fähigkeit des Silikons interessiert, eine eigenständige Dynamik zu entwickeln. Gezielt lässt der Künstler der Bewegung des zähflüssigen Silikons freien Lauf. So bilden sich aus der Bewegung des Materials diverse, die Struktur der Objekt-Gemälde prägende Formationen heraus. Die Silikonmasse wirft Falten (Xis, 2016), erstarrt in schlauchartigen Ergüssen (Uic, 2017, Castory, 2015), zerreißt sich an den Bildrändern (Arifor, 2017) oder verhärtet sich in abwärts tropfenden, Stalaktiten ähnlichen Strukturen (Nyma, 2017).

Die Aktivität und Produktivität des Materials werden mit den Intentionen und Aktionen des Künstlers verwoben. In einem Bild koexistieren meist die vom Künstler aktiv entworfenen Formen und die Strukturen, die durch die eigene Wirkkraft des Silikons entstanden sind. Die Eindeutigkeit des Subjekt-Objekt-Verhältnisses wird dabei subvertiert. Weder das Künstlersubjekt noch das Objekt seiner Betätigung sind ausschließlich aktiv oder passiv.

Das ist das Schlüsselelement des Verfahrens von Khesin. Denn die dynamische Subjekt-Objekt-Konstellation öffnet den Raum für ein Wechselverhältnis zwischen Intention und Zufall. Khesins Verfahren gleicht in diesem Sinne einem Experimentalsystem, in dem die wiederkehrende Versuchsanordnung (Silikon und Pigmente auf einer Tafel) immer wieder neue Ergebnisse produziert, gerade weil sie Zufälle zulässt.

In dem Moment, in dem Khesins künstlerisches Verfahren seine Antworten auf die Fragen gibt, wann und wie das Neue entsteht, offenbart es sich auch als eine Auseinandersetzung mit dem klassischen Dilemma zwischen Aktion und Kontemplation. Jedes einzelne Gemälde wird so zu einem immer wieder neu unternommenen Versuch, eine Balance zwischen Handeln und Geschehen-Lassen zu finden.