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Achim Riehtmann

Einzelausstellung "Gefährten"

Eröffnung 23. April, 16–21 Uhr
24. April – 25. Mai 2021

Materielle Sehnsüchte manifestiert in spiegelglatt glänzenden Bildern: Achim Riethmanns neue Arbeiten wecken unmittelbar Assoziationen zu Werbung und Schauvitrinen. Erst im Näherkommen entpuppen sie sich als feine Aquarellzeichnungen, über denen industriell beschichtete und getönte Glasscheiben liegen. Biomüll, zertrampelte und welke Blüten oder auch eine aufgehängte Daunenjacke sind isoliert und herausgerissen aus ihrem natürlichen Kontext. Sie werden von einer dunklen, reflektierenden Fläche umgeben, die inhaltlich ambivalent scheint: Einerseits unbestimmt, noch Imaginationsraum, bezieht sie ndererseits das Gegenwärtige und die Betrachtenden, die sich in ihr spiegeln, in die Darstellung ein. Als ein Künstler, der in seinen Werken kontinuierlich gesellschaftspolitische Fragestellungen verhandelt, konzentriert sich Riethmann nun verstärkt auf das Spezielle, auf die Spuren des Einzelnen und seiner (Sehn-)Süchte. Den Blick richtet er dabei auf sich selbst und wird so bemerkenswert persönlich: Nicht fragmentiert wie in früheren Arbeiten, sondern in zentrierten Kompositionen reiht er private Gebrauchsgegenstände aneinander, die sich offenbar in unterschiedlichen Stadien ihrer Funktionalität befinden. Ohne sich explizit gegen ein bestimmtes Konsumverhalten oder gegen materielle Abhängigkeiten zu positionieren, rufen die Bilder eher den eigenartig emotionalen und teilweise sogar existentiellen Bezug zu den Gegenständen und Marken auf - oder machen, im Falle des Biomülls, auf das ebenso eigenartige Fehlen jeglichen Bezugs aufmerksam. Die zarten Farben der Aquarelle und deren feiner Darstellungsmodus zeugen von einer Versiertheit Riethmanns im Umgang mit dem Medium. In Kombination mit den Glasscheiben, einem vorproduzierten, allgemein gebräuchlichen Fensterglas mit UV-Schutz, erhalten die Bilder eine deutlich intermediale Komponente. Die Spiegelung und die industriell anmutende Oberflächenästhetik der Werke entstehen erst mit der Lackierung, also in einem wohlbemerkt doppelten und damit zeitintensiven Arbeitsprozess. So offenbart sich nicht nur eine außergewöhnliche Hinwendung eines Künstlers zu seinen Arbeiten, der sonst die Aquarellzeichnung gerade in ihrer Unmittelbarkeit zu schätzen weiß. Darüberhinaus täuscht die minutiöse Bemalung der Glasscheiben fast schon über ihre handgemachte Entstehung hinweg. Im Lichte der inhaltlich thematisierten Vergänglichkeit von Objekten erscheint dies geradezu im Widerspruch, wenn nicht ein bewusst akzentuierter Anachronismus zu sein. Es bleibt offen, inwiefern es sich hier tatsächlich um eine kritische Haltung Riethmanns oder gar um einen formalen Aktionismus handelt. Festhalten lässt sich lediglich ein melancholisches Verharren vor den Dingen des Alltags, die von Menschen zumindest temporär bedingt als Erweiterung des eigenen Selbst begriffen werden.

Frederieke Czaja