KintopMichael Peltzer Kintop
Previous Next

Michael Peltzer

"Kintop"

22. November - 31. Januar
Vernissage am 21. November um 19 Uhr

 

Es ist üblich geworden, mit Malerei nicht nur Bilder zu meinen, die gemalt worden sind, sondern jede künstlerische Produktion, der man sich mit Paradigmen der Malerei nähern kann, deren Gestalt durch Farbe, Form, Schärfen und Unschärfen bestimmt wird. Ein Künstler setzt den Ausschnitt seiner Verhandlungen, bestimmt ein Format, einen Anfang und ein Ende des Prozesses der Herstellung. Bei den Bildern von Michael Peltzer handelt es sich zweifelsohne um Malerei.


Weil inzwischen auch dem Letzten von uns klar geworden sein dürfte, dass das Licht unserer Welt nur noch selten direkt auf unsere Netzhaut fällt, stellt sich die Frage nach dem Motiv für ein Bild seltsam postmodern. Oder vielleicht besser: um dem Stil unserer Dekade zu entsprechen, stellt sich die Frage nach dem Motiv unserer Gegenwart so seltsam post-Internet.


Bevor Michael Peltzer diese Fragerei für zulässig erklärt, schüttet er Farbe auf das weiß grundierte Leinentuch und lässt sich in diesem Prozess lieber vom Potential zur Gegenständlichkeit im Konkreten des Farbmaterials verleiten als mit seinem Zeigefinger in einem viel zu süßen Sirup aus Nullen und Einsen zu rühren. Dieser Sirup macht nämlich high und willenlos. Peltzer guckt Filme, die er längst von Röhrenapparaten kennt und verwendet sie als Motive, als würde es sich um etwas grundsätzlich Gegebenes handeln und als seien die Filme nicht irgendwann einmal produziert worden. Dadurch überprüft er das vermeintliche Gegebensein kanonisierter Bilder und deren Konsistenz. Er setzt sie der Realität seiner malerischen Handlungen aus und macht sie sich zu eigen.

Ein Filmstill aus einem x-Beliebigen Filmklassiker kann Reminiszenen an Peltzers Malerei wecken und umgekehrt, denn Peltzer wagt es nicht, sich zu entscheiden. Ob es sich wirklich um einen spezifischen Filmausschnitt, um Batman oder Blut handelt, wird weder bestätigt noch dementiert. Ein vermutlich großes Gebilde in einer angedeuteten, in schwarz-weiß gehaltenen Landschaft könnte ein hockendes Monster in Hippie-Montur darstellen oder es handelt sich vielleicht um ein paar Eiskugeln mit bunten Streuseln als Topping. In einem von der Farbigkeit ähnlichen Bild könnte dieses große Hippiemonster genau so gut ein psychedelisch luminizierender Dildo in Claes-Oldenburg-Skulpturengröße sein. Der Hintergrund erinnert an eine Schwarz-Weiß-Aufnahme eines eher karg gebäumten Landstriches. Gleiches in einer Filmvorlage zu finden scheint unwahrscheinlich und trotzdem würde es wenig überraschen, im Dickicht schlecht vermarkteter Filme genau solche Szenen auszumachen. Peltzer kultiviert Ungenauigkeiten im Referieren auf seine Motivvorlagen und pointiert Unschärfen. Batman zum Beispiel, ohnehin eher vage durch seinen adoleszenten Begleiter Robin auszumachen, trägt Purpur und Pink. Dass es sich bei seiner Bekleidung um Cape, Maske und Nylonanzug handelt, vermittelt weniger die malerische Ausführung der Figur, als dass sie dieser letztendlich reinen Mutmaßung nicht zuwider läuft. Die Stadt im Hintergrund könnte durchaus Gotham City darstellen, wie es jedes andere durch Wolkenkratzer bestimmte Citydistrikt sein könnte. Eben weil Gotham City in den Comics und Filmen eine fiktive Stadt ist, deren Gestalt kühl geordnete Machtamplituden darstellt, exemplarisch und westlich.

Wenn wir davon ausgehen, dass Bilder nicht die Fortschreibung sondern der Anfang von eigenständigen Realitäten sind, dann ist es grob fahrlässig, diesen in Pink gekleideten Spaßvogel als Batman in flaschem Kostüm zu identifizieren. Mit etwas Fahrlässigkeit lässt es sich durchaus leben aber "es gibt überhaupt nichts, was leerer aussieht als ein leerer Swimming-Pool." Zumindest fand das 1954 die Hauptfigur Philip Marlowe in Raymond Chandlers bestem und letztem Kriminalroman "The Long Goodbye" bevor seine fast 18 Jahre ältere Frau verstirbt. In Peltzers Bildern tauchen immer wieder Figuren und Gegenstände auf, die aber nur als Platzhalter für die eigentlichen Protagonisten seiner Malerei dienen, der Spontaneität seiner Entscheidungen, den Spritzern, Verläufen, Läufern und Pfützen des geschütteten Farbmaterials. Der Zweck eines Swimming-Pools ist es gefüllt zu werden. Im richtigen Winkel spiegelt sich das Tageslicht in der Oberfläche des Wassers und verdirbt die Nüchternheit seiner Zweckmäßigkeit. Insbesondere wenn etwas darauf fällt und Ringe das Spiegelbild des Tages stören oder wenn es dramatisch wird und ein schwerer Gegenstand die Oberfläche durchbricht, es spritzt und die Gestalt eines Autos mit dem was gerade passiert verschmilzt und sich das Spiegelbild ohne ganz zu verschwinden zerstreut. Vielleicht funktionieren so in etwa die Bilder von Michael Peltzer. Gegenständlichkeit fällt ins flüssige Farbmaterial und kurz vorm Ertrinken rettet er seine Gestalt.

Heute werden Swimming-Pools nur noch selten gemauert, gefliest und blau getüncht. Sie werden als fertige Wannen geliefert und erinnern mit ihren glatten Rundungen eher an Skateboard-Parcours, als dass sie als Metapher für die Vereinsamung eines bindungsscheuen Ermittlers taugen. Um die archetypische Leere einer wenn auch überzeugend kostümierten Figur aufzurufen, eines Hutträgers, der weil er sich auf einem Bild befindet, es nicht lassen kann ein bisschen auf Magritte zu referieren und doch ganz gerne auch Cowboy wäre, oder einer afroamerikanischen Jazzgröße, eines Superhelden, Dandys, einer Prinzessin, eines Autos oder Kanuten, braucht Peltzer nicht das Vehikel einer Metapher auch wenn ihm das sich unaufhaltsame ausbreitende Blut in Thomas Pynchons vollem und bald homogen rot gefärbtem Swimming-Pool durchaus gefallen dürfte. Seine Figuren werden durch ein souveränes malerisches Handeln zu zeitgemäßen Schablonen von skeptisch beäugten Versuchen, Authentizität darzustellen. Michael Peltzer hat verstanden, was Malerei immer schon am besten konnte: überzeugend wie möglich so zu tun, als ob es sich um mehr handelt als um sich selbst. Durch das Malen transformiert er die Bilder und Abbilder unserer Realität zu einer Formel ohne Lösung und das ist großartig.

(Marcel Hiller)


Die Ausstellung "Kintop" widmet sich der neuen Werkserie der Filmstills von Michael Peltzer. Zusätzlich werden im Rahmen der Ausstellung die bisher noch nie zuvor ausgestellten Werke der Monster Invasions und Collagen gezeigt.