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Johannes Kersting

"Sonderfarben"
2. Juni - 13. Juli 2018
Vernissage am 1. Juni, 18 Uhr

Die Sonderfarbe, eigentlich ein Begriff aus der Drucktechnik, wird bei Johannes Kersting poetisch umgedeutet. Sie ist ein Spezialfall des Visuellen, ein irritierender Querschläger, der außerhalb des gewohnten Systems steht, eine sonderbare Farbe. Kerstings Anliegen ist es, Sehroutinen aufzubrechen und mit Bildern zu konfrontieren, deren Beschaffenheit keine eindeutige Antwort auf die Frage zulässt, ob es sich um abgebildete Realität, konstruierte Ordnung oder fragmenthafte Montage handelt. Hierbei „stößt die Wahrnehmung in eigentümlicher Weise auf sich selbst.“1 In einem medialen Schwebezustand fließen sowohl Elemente der Fotografie, der Malerei als auch der Objektkunst ein. Ausgangspunkt des künstlerischen Prozesses ist dabei meist die Fotografie, deren schöpferisches Potential an ihrem Wirklichkeitsgehalt gemessen wird und eben an der Farbigkeit:

„Was nachklingt, ist ein diffuses Unbehagen. Es gilt zu attestieren, dass in den fotografischen Bildwerken von Johannes Kersting die Farbe als ein Moment der Spannung mitschwingt, die unsere Orientierungslosigkeit auf subtile Weise widerspiegelt. Gerade hierin liegt eine Faszination.“2

Denn innerhalb der Fotografie, aber auch darüber hinaus offenbaren Farben die Fähigkeit, das Raumgefüge zu stören oder gar auszuhebeln und das Realitätsversprechen der fotografischen Abbildung auf die Probe zu stellen. Der Malerei wird in dieser Hinsicht mehr Freiheit zugestanden, doch wird auch sie auf die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmungskonventionen hin abgeklopft.

Wörtlich genommen steckt in dem Begriff der 'Sonderfarbe' auch das 'Sonderliche', das meint auch das 'Besondere', das 'Außergewöhnliche'. Und außergewöhnlich ist Farbe in Fotografie in solch einer Prägnanz und Strahlkraft, wie Johannes Kersting sie einsetzt; besonders ist auch der Einsatz der Farbe in den architektonischen Gefundenheiten, die Kersting in seinen Kompositionen verarbeitet und die sich überall finden lassen: im Stadtraum, an einem rostigen Gestänge, im überraschenden Chiaroscuro einer verwitterten Wand oder dem ausgeblichenen Kunststoff eines Werbeschildes. Diese Elemente bergen einen erstaunlichen Moment der Irritation in sich, löst man sie fotografisch aus ihrem realen Kontext. Sie sprengen in Kerstings 'erweiterten Fotografien' wiederum nicht nur metaphorisch, sondern ganz wörtlich den Rahmen des Bildes und werden zurück in der physischen Welt zu Überläufern der Abbildung.

Kleine, alltägliche Beobachtungen, Details unspektakulärer Nutzarchitektur und ungewohnte Lichtsituationen fügen sich zu einem rätselhaften Puzzle der Betrachtung zusammen, neue Bildfindungen der virtuellen Realität, des digitalen Raumen tun ihr übriges um die Verständigkeit des Betrachter zu unterwandern. Letztendlich bleibt festzuhalten, daß „Johannes Kersting einem Erkundungswillen folgt, den spezifischen Tradierungen von Malerei und Fotografie neue Aspekte abzuringen und in einen befreiten Bildbegriff zu überführen.“3

1 Dr. Christoph Schaden: "Der Verdacht der Farbe", in: "Johannes Kersting – Sonderfarben", 2018.

2 ebd.

3 ebd.