The human aspectthe human aspect
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the human aspect

19 contemporary figurative positions
Painting | Drawing | Photography | Sculpture

July 13th - July 16th 2017, Barlach Halle K
Opening reception, Barlach Halle K: Juli 12th, 6 pm
Introduction: Dr. Holger Birkholz, art historian

An exhibition of the Galerie Ursula Walter, Dresden
in cooperation with the Evelyn Drewes | Galerie, Hamburg

Barlach Halle K
Klosterwall 13
20095 Hamburg

Artists:
Nikolas Brade, Gunnar Borbe, Sven Braun, Michelangelo Contini, Anna Eckold, Valérie Favre, Thomas Fißler, Grit Hachmeister, Holger John, Eric Keller, Tim Kellner, Michael Klipphahn, Peter Klitta, Marc Lüders, Nadine Rennert, Anne Schönharting, Kathrin Tschirner, Nadine Wölk, Edgar Zippel

Curatorial direction:
Gunnar Borbe, Thomas Fißler

Die Ausstellung "the human aspect" versteht sich als Versuch einer Bestandsaufnahme zeitgenössischer, figurativer Positionen, wobei der Schwerpunkt bzw. die gemeinsame Schnittmenge der Arbeiten in ihrer emphatiegetragenen Reflexion der Realität besteht. Nach der zweiteiligen Präsentation der Ausstellung in den Räumen der Galerie Ursula Walter in Dresden im Oktober 2016 und Mai 2017 freuen wir uns, nun die Arbeiten in der Barlach Halle K in Hamburg in einer Gesamtshow zeigen zu können.

Vielleicht muss man sich die Gegenwart als permanent aktualisiertes Selbstporträt vorstellen? Es dürfte kaum eine andere Bildgattung geben, die so oft bedient wird wie diese, und das, so möchte man argwöhnen, weil die Ergebnisse ihre Autoren nicht zufrieden stellen. Der andauernde Selbstabgleich mit Bildern der anderen wird als Herausforderung verstanden. Angesichts der Geschwindigkeit sich aktualisierender Modelle und Muster lässt sich diese jedoch unmöglich bewältigen. Das Selbstbildnis wird zum zentralen Fokus der Selbstoptimierung darüber hinaus auch anderer Lebensbereiche. In zwischenmenschlichen Beziehungen, in beruflicher Hinsicht und im Freizeitverhalten kommt es mehr und mehr auf die richtige Konstruktion der eigenen Biografie an. Künstlerinnen und Künstler müssen sich fragen, inwieweit sie diese konsumierbaren Muster bedienen, ihre Konstruktionen aufdecken und analysieren oder Gegenmodelle überhaupt entwickeln können. Das Self-Advertising scheint alle denkbaren Darstellungsformen des Menschen in ihrem Kern auszuhöhlen. Unter der Hülle der Individualität verbirgt sich ein Verkaufsargument.
Fremdheit, selbst in den scheinbar geläufigsten Bildformen, scheint eine Möglichkeit, dem allgegenwärtigen Werbecharakter der Bilder zu entkommen. Komplexe Bildstrukturen sperren sich dagegen, schnell erfasst zu werden. Um kaum wahrnehmbare Nuancen und Verschiebungen zu den anscheinend vertrauten Mustern erkennen zu können, bedarf es einer sensiblen Annäherung an die Kunst und einer Bereitschaft, ihren Versuchen konträr zu erzählen, mit Geduld nachzuspüren.
Die künstlerischen Positionen, die Gunnar Borbe und Thomas Fißler in einem Ausstellungsprojekt zusammengeführt haben, suchen dem gegenüber nach Motiven der Menschlichkeit, den Resten einer Überzeugung von dem, was ihn ausmacht. Das große Projekt des Humanismus, mit dem die Neuzeit antrat, erscheint heute zersplittert, im positiven Sinne als Form des Pluralismus und negativ als grundlegende Orientierungslosigkeit. Den Künstler*innen gelingt es, dieses Thema überhaupt erst anschaulich werden zu lassen. Dabei greifen sie auf die Modalitäten der beschleunigten Medien zu und lösen daraus einzelne Motive, um sie im Moment angehalten zu sezieren. Sie konzentrieren sich auf das Einzelbild, das separiert in seinen vielschichtigen Bedeutungsebenen emotional wirken und kritisch befragt werden kann. Der Mensch selbst ist das zentrale Motiv dieser Arbeiten. Er erscheint in einem Umfeld, das sich mit seiner Warenfülle als Konsumwelt versteht. Die Architekturen, in denen er sich bewegt, sind Bühnen der Künstlichkeit. Im Kunstwerk erscheinen sie symbolhaft als Orte der Vereinsamung stilisiert.

Die Menschen, die auf ihnen agieren, wissen zum Teil selbst nicht mehr, was ihr Handeln bedeutet. In dieser Verunsicherung laufen die Versuche miteinander zu kommunizieren ins Leere. Unverbunden stehen Figuren nebeneinander, die Distanz zwischen ihnen entspricht der Distanz zu uns, ihren Zuschauern. In ihrer Beziehungslosigkeit nehmen sie dennoch Beziehung zueinander auf – sehnsuchtsvoll im Wunsch nach menschlicher Begegnung. Dabei scheint zum Teil die Angst in ihnen hochzukriechen, dass sie ihre Menschlichkeit und damit sich selbst verloren haben. Das ist der Moment, in dem sie festgehalten werden. Er ist intim und in seiner Erscheinung als Kunst gleichzeitig emblematisch. Verlorenheit und Verletzlichkeit sind die Allegorien unserer Zeit. So lassen sich die Gesten interpretieren, weil sie uns in ihrem grundlegend menschlichen Ausdruck zu Spiegelbildern des eigenen Empfindens werden. Auch wenn sie hier mit dem Abstand erscheinen, in dem sie in der Kunst geschützt geborgen sind, erreichen sie uns in unserem Inneren. Menschen scheinen deformiert oder fragmentiert, wie in den Arbeiten von Nadine Rennert und Marc Lüders. Sie wirken wie in eine Welt versetzt, mit der sie nicht mehr verbunden sind, die zur Kulisse verkommen ist oder in der sie nur noch als Staffage für eine kalte Architektur (Katrin Tschirner, Anne Schönharting) oder aus dem Fokus geratene urbane Räume (Eric Keller) herhalten müssen.  Es ist dabei oft nicht einfach zu entscheiden, ob ihr Gesichtsausdruck leer, nach innen gekehrt oder melancholisch verschlossen ist. Selbst wenn ihr Blick sich uns zuwendet, wie bei Anna Eckolt, Gunnar Borbe oder Nadine Wölk, ist nicht klar ob wir gemeint sind, oder ob der Blick nicht durch uns hindurch ins Leere gleiten muss. Künstler*innen sammeln Menschen und fordern uns zu Begegnungen mit ihnen auf, wie Edgar Zippel. Dabei scheinen sie auf der Suche nach einer Identität in einer von Individualitätsmodellen übersättigten Gesellschaft. So zeigt sich Grit Hachmeister in unterschiedlichen Situationen, die Grenzen zwischen Rollenmuster und sexuellen Zuschreibungen untersuchen. Die künstlerische Handschrift – die Zeichnung bei Holger John oder die Malerei bei Michelangelo Contino und Valerie Favre – kann zu einem Moment der Berührung werden, wenn der Künstler mit dem Zeichenstift oder den Pinsel in übertragenem Sinne den Körper berührt, den er darstellt.

Die Fotografie erscheint als scheinbar dokumentarisches Medium neutral und offenbart in ihrem entschiedenen Blick für außergewöhnliche Situationen dennoch sozialpsychologische Aspekte, wie bei Thomas Fißler und Nikolaus Brade. Sie kann ein Medium sein, das Distanz schafft, gerade in ihrer Übersetzung in Malerei (Michael Klipphahn) oder ihrer Sicht auf abseitige Orte mit Intimität und Stille (Tim Kellner). In der Konzentration auf Details mit einer scheinbar fühlbaren Körperlichkeit suchen die Künstler nach Möglichkeiten der Berührung, die in ihrer Subtilität aus dem allgemeinen Stream herausgelöst überhaupt erst angenommen werden kann (Sven Braun). Sie schaffen Porträts von Menschen, die durch ihre Transformation in die Kunst, hervorhoben werden und uns dabei doch anblicken als entstammten sie einer anderen Zeit (Peter Klitta). Die Definition dessen, was wir als ‚menschlich’ bezeichnen, gehört zu den wichtigsten Handlungen, da sie uns Menschen – über unsere Suche nach individuellem Ausdruck hinaus – verbindet. In einer beschleunigten Gegenwart, in der die körperliche Begegnung durch digitale Kommunikationswege in ihrer Bedeutung zurückgedrängt wird, scheint gerade die Kunst dazu prädestiniert, das Menschenbild veranschaulichen. Bestrebungen Menschlichkeit zu definieren lösen sich immer mehr in partikulare Interessen auf. Die Suche nach einem zeitgenössischen Humanismus wirkt so im besten Sinne aufgefächert in vielschichtige Sichtweisen, die durch einzelne künstlerische Ansätze unternommen werden. Den Human Aspect hervorzuheben wirkt gerade angesichts seines drohenden Verlustes notwendiger denn je.

(Dr. Holger Birkholz)