Verena 2014Salon
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Verena Waldmüller

"Watchlist 1/14"

9. Mai - 26. Juni
Vernissage am 9. Mai um 18.00 Uhr

Hamburg

Es ist im ersten Moment meist das Anekdotische oder Erzählerische an einem gefundenen Objekt, was der Auslöser für Verena Waldmüllers Aufmerksamkeit ist. Sammler/ innen oder Aufsammler/innen brauchen immer ein »Punktum«, wie Roland Barthes das in »Die helle Kammer« nennt, ein bestechendes, unerklärliches Angesprochen-Sein. Interessanterweise ist das kein Detail, das in die jeweiligen Zusammenhänge passt, sondern eher eines, das stört. Aber das gerade ist der Motor, ein produktives Netz an Wahrnehmung, Denken und Initiative anzustoßen und auszubilden. So ziehen ihre »Ausgangsobjekte« andere an, finden Ergänzungen und weitere Irritationen, bis sich ein plausibles Gebilde gebildet hat.

Verena Waldmüller versteht sich in erster Linie als Bildhauerin. Sie hat mit einer klassischen Holzbildhauerausbildung begonnen, gelernt also, wie man aus einem Stück Holz eine Figur herausschneidet. Das dann folgende Kunststudium hat sie verändert, sie arbeitet jetzt mit vorgefundenem Material und dementsprechend mit anderem Handwerkszeug. Aber das ist nicht nur eine andere Technik, die wieder zu einer [nur anders aussehenden] »Figur« führt. Die Collage/ Montage ist auch eine andere Denk- und Handlungsform, weil sie in ihrer Bildsprache nicht zu einer Einheit in Form und Bedeutung führt, sondern das Anderssein und die Herkunft der Einzelteile in ihrer Andersartigkeit und Widersprüchlichkeit erhält.

In diesem Sinne arbeitet Verena Waldmüller auch auf der zweiten Ebene, die der Form. Die Entscheidungen dort begründen genau- so – und unabhängig von der inhaltlichen – die Schlüssigkeit ihrer Skulpturen. Sie fragt: Wie verhält sich der Gegenstand in seiner spezifischen Form zu einer anderen, wie entwickelt sie sich im Raum? Und mehr noch: Wie schaffe ich es, Form und inhaltliche Bedeutung durch bildhauerische Tätigkeit so zu trennen, dass sie abhängig und unabhängig voneinander eine Diskussion führen? Hier deutet sich eine ganz andere Traditionslinie an, etwa die des russischen Konstruktivismus, eines Wladimir Tatlin also oder Iwan Puni z. B., der auf ein Relief aus farbigen Flächen provokativ einen tatsächlichen Hammer montierte [1915–21].

So gesehen, betreibt Verena Waldmüller an ihrem Material eine spannende Gradwandrung zwischen inhaltlichem Objekt und formalem Bestand, zwischen gegenständlicher und gegenstandsloser Kunst.

Zu dem inhaltlichen Konglomerat der Gegenstandsbedeutungen gesellt sich ein ästhetisches Erleben, das aus den Wirkungseigenschaften von hängen, stehen, herausragen, umschließen gespeist wird, von gefüllter und umrissener Form, von weich, transparent und hart, von Farbe und Material, etc.. Es entsteht formal und ästhetisch ein »so-etwas-wie«, d.h. eine ästhetische wie inhaltliche Metapher.

Und weil es in den Zuordnungen der beiden Ebenen wie auch innerhalb der Ebenen keine Hierarchien gibt, entstehen Ambivalenzen, die selbst zu Inhalt und Bedeutung der Arbeiten werden. Verstehen heißt dann, im Dazwischen zu bleiben oder besser: sich im ständigen Umschalten, in Parallelitäten und in Gleichzeitigkeiten aufzuhalten.

Wenn man diese Maschinen und Installationen so auf sich anwendet, d. h. auf den eigenen Körper, die eigene Person bezieht, spürt man, dass sie nicht nur die technische Fantasie beflügeln sondern auch Emotionalität erzeugen. So sensibel, wie sie gebaut sind, so ungelenk und witzig teilweise in den Brüchen der Bezüge, wecken sie Empathie, als hätte der technische Unsinn einen geheimnisvollen menschlichen Hintergrund. Man könnte fantasievoll poetische Titel dafür finden, wie Paul Klee sie immer unter seine Zeichnungen geschrieben hat. Aber Verena Waldmüller hat sich entschieden, sie mit anonymen Typenbezeichnungen zu betiteln, wie Wassily Kandinsky seine »Kompositionen« in Anlehnung an die Musik nur noch durchnummeriert hat. So bleiben die Arbeiten frei.

Es gibt eine Kulturtechnik, die all diese Eigenschaften in besonderem Maße enthält, den Humor. Den besitzt Verena Waldmüller in sehr poetischer Form, sowohl ihrer Umgebung gegenüber, die ihr das Material liefert, als auch ihrer eigenen Person – schließlich auch ihrer Kunst und deren Methoden gegenüber.

Und nicht zuletzt – und das könnte der Beweis für das gelungene Bilden von Metaphern sein – haben ihre technoiden Skulpturen etwas, was auch antike Skulpturen menschlicher Götter auszeichnet: Schönheit.

Text: Bernhard Balkenhol